unglaublich

Stress auf Lebenszeit

Geplant und doch chaotisch. Voll mit Terminen und Aktivitäten, jedoch ist der Tag im Endeffekt leer.

Arbeit, Stress, work, Optimierung(c) Andrew Neel

Die Angst vor dem Nichtstun treibt uns in die Klauen des Stresses. Die Befürchtung, den Sinn nie zu erkennen, das schlechte Gewissen, die Zeit nicht zu nützen. Die Sorge, aus diesem einen Leben nicht alles herausholen zu können. Produktiv sein, für das Glück arbeiten, immer mit dem Ziel der „perfekten Lebensphase“ vor Augen. Irgendwann können wir genießen. Irgendwann können wir endlich unsere Träume verwirklichen. Wenn sowohl Geld als auch Zeit keine Rolle mehr spielt.

 

Zeit, Stress, Stunden, Arbeit
(c) sonja langford

Die Zeit. Wie oft wünschen wir uns, der Tag hätte mehr Stunden. Mehr Platz für all die Dinge, die wir krampfhaft in unseren Terminkalender quetschen. Einmal ausgiebig frühstücken zu können, ohne den ständigen Blick auf die Uhr, der uns das Brot halb gekaut hinunterwürgen lässt. Ein Treffen mit Freunden, von dem wir einmal nicht früher verschwinden müssen, weil das nächste Meeting ansteht. Einfach in der Sonne sitzen zu können, mit einem Kaffee in der Hand, komplett entspannt. Ohne Deadline, ohne Gewissen, das uns immer weiter vorantreibt. Zeit um unsere Gedanken zu ordnen, abzuschalten, aus diesem Kreislauf der Optimierung auszusteigen. Zeit um uns selbst zu finden. Denn wir selbst verlieren uns in unseren durchgeplanten Minuten, Stunden, Tagen, vergessen uns selbst und sind überfordert mit einem Moment der Ruhe. Wir fühlen uns nackt ohne (selbstauferlegten) Arbeitsauftrag.

Die schnelllebige Gesellschaft macht es uns leicht, Termin an Termin zu reihen, jede kurze Pause zu füllen, um das Maximum herauszuholen. Nur damit wir abends im Bett liegen können mit dem befriedigenden Gefühl, alles erledigt zu haben. Dass uns trotz bleierner Müdigkeit am nächsten Tag nicht der Wecker aus den wirren Träumen reißt, sondern unser Körper von selbst wieder auf Arbeitsmodus schaltet, finden wir schon lange nicht mehr komisch. Nicht einmal mehr essen können wir in Ruhe. Sobald wir alleine sind, werden Mails gecheckt, während wir uns am Kaffee die Zunge verbrennen. Ohne Verabredung zum Mittagessen schauen wir auf dem Weg zu weiteren Besorgungen kurz beim Bäcker vorbei, um ein Brot den lästigen Hunger besänftigen zu lassen. Möglichst schnell, möglichst zeitsparend.

Stress, Arbeit, Optimierung, work
(c) Jordan Whitfield

Telefonieren geht nur mehr während des Autofahrens, dann ist diese sonst verschwendete Zeit auch noch halbwegs sinnvoll gefüllt.  Die Rastlosigkeit, die uns auffrisst, versuchen wir zu ignorieren und reden uns ein, dass Stressmanagement heutzutage einfach zu den Kompetenzen gehört. Im Urlaub werden wir erst einmal krank, unser Körper vermisst scheinbar seine beste Freundin, die Überbeanspruchung. In den ersten Tagen schmiedet unser Gehirn fleißig Pläne, organisiert selbstständig den Ablauf für die Zeit nach der Heimkehr.

Wenn sich nach und nach das Gedankenkarussell verlangsamt, unser Fokus nicht mehr alle drei Sekunden vom Smartphone zum Laptop springt, zwischendurch abgelenkt von der Zeitung vor uns, hören wir endlich auf, uns ständig am Multitasking zu versuchen. Wir können uns auf eine Sache konzentrieren, ganz ohne Unterbrechung und ohne Druck. Plötzlich gelingt alles viel besser, viel überlegter und das Ergebnis muss nicht fünfmal überarbeitet werden.

Fast haben wir vergessen, wie sich das anfühlt.

Wir haben nicht mehr gewusst, wie es ist, ohne Stress zu existieren. Es scheint uns, wir haben übersehen zu leben. Hier in der Sonne am Meer ist diese Erkenntnis so klar und deutlich. So unbeschreiblich groß ist der Vorsatz, nach Urlaubsende etwas zu ändern. Wir sind überzeugt, ab jetzt wird alles anders werden. Als wir heimkommen, die Erlebnisse mit Freunden und Familie teilen, halten wir noch daran fest, unsere Zeitplanung zu überdenken. Die Routine nimmt uns jedoch schnell wieder gefangen, umhüllt uns mit Altbekanntem. Die Erinnerungen an den unbeschwerten Sommer verblassen, ziehen sich zurück in eine Ecke unseres Gedächtnisses. Wir können uns nicht wehren, obwohl wir es anfangs versuchen, und schon bald zwingt uns unsere Unfähigkeit wieder in alte Muster.

Tags : SinnWunder

1 Kommentar

  1. WOW, richtig toller Artikel! Man kann sich so gut hineinfühlen in das von dir beschriebene Problem der heutigen Gesellschaft. Richtig gut formuliert, eine wirklich schöne Lektüre zum Lesen! 🙂

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