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Liebe(r) gemeinsam statt einsam

Was bewegt Menschen heute zur Heirat und ist sie eigentlich noch das, was sie früher war?

LIebe, Gemeinsam, Ehe, Hochzeit, Heiraten(c) Anne Edgar

Sie ist das Happy End vieler Geschichten, der „schönste Tag im Leben“, der religiöse Bund mit so manch wirtschaftlichem Vorteil und der Anlass, der Designer traditionellerweise zum Abschlusskleid ihrer Fashion-Show inspiriert: die Hochzeit. Tatsächlich war „heiraten oder nicht heiraten?“ vor nicht allzu langer Zeit überhaupt keine Frage – die Antwort lautete auf jeden Fall: heiraten. Heute ist die Sache nicht ganz so klar…

(c) Josh- Felise

Eine Trauung ist keine Voraussetzung mehr für eine gemeinsame Zukunft. Auch in „wilder“ Ehe und Lebensgemeinschaften lebt es sich offenbar gut. Die Gründe gegen eine Heirat scheinen dabei vielfältig: „Wir sind Atheisten“, „ich möchte keinen Bund bis an mein Lebensende versprechen“, „Ehe ist überholt“ oder etwa „auf jede Ehe kommen eh zwei Scheidungen“, hört man. Trotzdem gibt es noch immer welche, die sich „trauen“ – im doppelten Sinn, und darüber hinaus eifrig auf die samstägliche Folge von „Zwischen Tüll und Tränen“ warten. Was bewegt aber (junge) Menschen heute zur Heirat und ist sie eigentlich noch das, was sie früher war?

Eine kurze Geschichte der Ehe

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, lohnt zuerst ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Die monogame Ehe lebt von trauter Zweisamkeit – von etwaig aufgesetzten Hörnern durch den Partner oder der Partnerin einmal abgesehen – aber diese Zweisamkeit gab es nicht immer. So scheint bei den ersten Vormenschen noch das Haremsprinzip geherrscht zu haben, wie Wissenschaftler vermuten. Die Zweierbeziehung schien sich erst etabliert zu haben, als Frauen in der Frühzeit in „schwächeren“ Männern wohl einen Vorteil erkannten: Da sie mit Kraft nicht punkten konnten, dürften sie fürsorglicher als ihre kräftigen Artgenossen gewesen sein – vor allem in Bezug auf Kinder.

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(c) Alona Kraft

Die Nachkommen als Eltern zusammen aufzuziehen, war dabei für den Fortbestand der Art wohl letztlich einen gewisser Vorteil – nicht umsonst gibt es die klassische Familienstruktur Mama-Papa-Kind, neben anderen Strukturen (ja, auch den Harem gibt es noch), bis heute und ist in unserem Kulturkreis nach wie vor die gängigste, selbst wenn es mittlerweile Aufweichungen geben mag.

Seit wann die Verbindung zwischen Mann und Frau aber in Form einer Ehe auch rechtlich-religiös vollzogen wurde, scheint nicht ganz geklärt. Im Gesetzestext von Hammurapi im 18. Jh. v. Chr., war die Ehe jedenfalls schon genau geregelt. Im späteren Verlauf der Geschichte dürfte sie dann vor allem als politisches und Sippen verknüpfendes Band gedient haben:

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(c) Caroline Veronez

Cicero etwa hätte niemals Zutritt zu den höchsten Redner-Arenen gehabt, ohne die Heirat mit seiner betuchten Terentia. Ähnliche Motive, nämlich Geld und politische Macht, veranlassten Jahrhunderte später auch die Habsburger dazu,  ihre Kinder kreuz und quer mit der halben damals politisch relevanten Welt zu verheiraten. Ein ebenfalls zentrales Motiv war „Sicherheit“, nicht nur als Vorsorge für später – Stichwort: Erben und Pflege – sondern im Falle der Frau auch als Existenzgrundlage, sofern sie nicht aus einer wohlhabenden Familie stammte. So waren Frauen lange Zeit abhängig von ihrem Ehemann: Wer nicht heiratete bzw. geheiratet wurde, fiel seinen Eltern irgendwann zur Last – ein Dilemma, das Jane Austin-Lesern bestens bekannt sein dürfte.

Heiraten scheint wieder „in“

Im 20 Jh. haben sich all diese Beweggründe in unserem Kulturkreis immer weiter relativiert: Staatsgefüge und politisch-gesellschaftliche Strukturen haben sich neu geordnet, Frauen wurden zu Selbstversorgerinnen und die Abhängigkeit von Ehen seltener. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Heirat zwischenzeitlich auch in Österreich statistisch an Attraktivität verlor. Nun scheint die eheliche Verbundenheit hierzulande aber wieder im Kommen: Liesen sich 2009 laut Statistik Austria noch rund 35.000 Paare in Österreich trauen, waren es 2016 bereits über 44.890 (im Ausland geschlossene Ehen von Personen mit Wohnsitz in Österreich mit einberechnet). 3.905 davon entfielen auf Tirol – d.h. um etwa 1000 mehr wie 2009, laut Daten der Tiroler Landesregierung.

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(c) Alvin Mahmudov

Es ist schwer zu sagen, ob man hier tatsächlich von einem Trend oder einer normalen Schwankung sprechen kann. Ähnliches gilt übrigens für die Scheidungsrate, die in Österreich 2016 laut Statistik Austria bei ca. 15.920 lag und damit deutlich unter den Eheschließungen. Unabhängig davon ob Trend oder Schwankung, scheint es also, als hätte die Ehe doch noch Bedeutung in der Gesellschaft. Da viele der früheren Gründe für eine Heirat heute aber kaum mehr Gewicht haben, stellt sich doch die Frage:

Warum heiraten die Menschen heute?

Religiöse Gründe scheinen nicht mehr an erster Stelle zu stehen und auch die Notwendigkeit einer ehelichen Verbindung ist mittlerweile nicht mehr gegeben. Ist die Ehe also nur mehr ein Relikt, das zum Leben dazugehört, weil man das „halt so macht“? Oder ist sie doch „Anker“ in einer sich ständig wandelnden Zeit, die uns vorlauter Modernität permanent überholt und in der nichts mehr Stabilität zu haben scheint?

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(c) Tom Pumford

Für Dr. Karin Urban, Psychologin und Geschäftsführerin des Zentrums für Ehe- und Familienfragen in Innsbruck, ist dieser Gedanke nicht abwegig. Sie glaubt Tendenzen ausmachen zu können, die vermehrt Richtung Heirat gehen, „auch mit über 30“. Das liege möglicherweise wirklich daran, dass „die Menschen in unsicheren Zeiten wieder mehr nach Sicherheit suchen und eine offizielle Heirat dazu beitragen kann,“ sagt Urban im Gespräch mit unhappy us. Heirat sei in diesem Sinne auch nach außen immer noch das Zeichen für „Wir gehören zusammen“.

Dabei spiele auch die juristische Absicherung eine Rolle, meint die Psychologin – keiner wisse, was die Zukunft bringt. „Damit einher geht ein gewisser Anspruch an Verbindlichkeit und Dauer, aber auch das Eingehen eines gewissen Risikos.“ Dieses „sich ganz aufeinander einlassen“ und „zueinander stehen wollen“ habe auch symbolische Bedeutung und präge eine Beziehung, gibt Urban zu bedenken, „Ich glaube viele Menschen sehen in dem Eheversprechen gerade auch diese Aspekte von Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, füreinander Dasein.“

Hochzeit als Lückenfüller?

Auch der evangelische Pastor Bernd Fetzer hat sich während seiner beruflichen Tätigkeit ein Bild machen können. In erster Linie sieht er in der Heiratsentscheidung vieler Menschen ein Mittel zur Kompensation. „Es fehlt irgendwas,“ versucht er zu erklären, „ich kann nicht sagen was, aber viele Paare füllen mit der Hochzeit eine Lücke.“ Zu funktionieren scheint diese Taktik nicht. Das zeigen dem Pastor zumindest seine eigenen Erfahrungen. 70 Prozent der Eheleute ließen sich scheiden, so seine private Statistik – vermehrte Heirat könne er nicht beobachten.

„Allerdings scheint es so etwas wie eine Ansteckungsgefahr zu geben,“ schmunzelt Fetzer, „man heiratet, weil die Paare um einen herum heiraten.“ Dass dabei auch ein Wunsch nach mehr Stabilität in unsicheren Zeiten eine Rolle spielt, könne man nicht bestreiten, nur sei Heirat darauf wohl nicht die primäre Antwort. Viel wichtiger für Beständigkeit seien der Hausbau und vor allem die Kinder: „Die Hochzeit fällt meist nur zufällig mit diesen Struktur verändernden Ereignissen zusammen.“

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(c) Josh Applegate

Heirat als Zeichen für Risikobereitschaft lässt Pastor Fetzer allerdings nicht ganz gelten. Eine Hochzeit sei heute viel weniger Risiko als früher, gibt er zu bedenken, „heute schließt man schon vor der Ehe eine Art Vollkaskoversicherung ab.“ Rund die Hälfte der Paare hätten immerhin einen Ehevertrag, „das nimmt die Spannung raus,“ erklärt Fetzer. Zudem schaffe Hochzeit weniger Sicherheit als vielmehr Klarheit, betont der Pastor, und meint damit vor allem die Familienstruktur. In dieser Hinsicht geht er mit Frau Urban d’accord: Die Ehe zeige tatsächlich „Wir gehören zusammen,“ ein Detail, das besonders für Kinder von Bedeutung ist.

Er habe schon selbst bei familiären Feiern erlebt, dass Kinder auf ihre Weise versuchen, die Familienstrukturen für sich zu begreifen. Immerhin: ganz schön verwirrend, wenn die Freundin des Bruders keine „Schwägerin“ sein will und der richtige Papa „Papa“ genannt wird, obwohl nie da, aber der alltäglich Frühstück machende Zweitpapa plötzlich nicht mehr „Papa“ genannt werden darf. Da gäbe es bei Kindern oft Erklärungsbedarf.

Hochzeit mit Sprachphänomen

Tatsache ist: Der Familienbegriff, wie man ihn lange Zeit kannte, weicht sich auf und arrangiert sich neu. In dem Zusammenhang spielt Hochzeit dann wieder eine größere Rolle als viele ahnen: „Sie ändert den Nachnamen, die Struktur und die Zuschreibungen der Personen,“ erklärt der Pastor, „und schafft so neue Bindungen. Hochzeit bedingt also auch ein sprachliches Phänomen. Kinder brauchen diese sprachliche Differenzierung.“ Trotzdem ist sich Fetzer sicher, dass sich die Familienstrukturen in der heutigen Zeit einfach ändern müssen, das gehe gar nicht anders. Hochzeit alleine schaffe da keine Sicherheit mehr.

Nichtsdestotrotz gibt es sie noch immer und mag sich ihre Bedeutung über die Jahre auch verändert haben, so bleibt die Heirat wohl trotzdem das Happy End vieler unserer Geschichten, der erträumte „schönste Tag im Leben“, der religiöse Bund mit so manch wirtschaftlichem Vorteil und der Anlass, der Designer traditionellerweise zum Abschlusskleid ihrer Fashion-Show inspiriert. Schlussendlich obliegt es heute aber doch jedem selbst, ob er sein Leben lieber gemeinsam statt einsam verbringen möchte, mit oder ohne Trauschein. Einen statistisch erwiesenen Vorteil bietet die Heirat allerdings: Die Lebenserwartung steigt.

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(c) Nathalia Bariani

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