unkreativ

Der Autor oder Ein hartes Handwerk

Eine Hommage an Eugen Roth - "Ein Mensch"

(c) Carl Cerstrand

Ein Autor – stehend in dem Laden –

verlieret plötzlich seinen Faden.

Peinlich vor dem Gegenüber-

geistig ist er schon hinüber:

Er hört nichts mehr, nicht Ruf, noch Wort,

weit trägt die Phantasie ihn fort,

die Muse hat den Mann gefangen,

färbt ihm rötend schon die Wangen,

lässt die Augen plötzlich funkeln,

Ideen fassen wo im Dunkeln.

*

Doch im Dunkeln ist auch Licht,

„Sie stehen hier im Laden Mann!

so das Licht sehr böse spricht:

Machen’s weiter – ich bin dran!“

Man stößt ihn unwirsch in die Seiten,

„Man“  – ein Weib mit Oberweiten –

drängt sich umständlich vorbei,

s`ist eng heut in der Metzgerei.

*

Der Autor geht, er will nur schreiben,

doch durch die nächsten Fensterscheiben,

erblickt er den Kurt Zimmerlein –

ach da fällt ihm siedend ein:

zur Bank müsste er vorher noch,

der Wasserschaden, das Kabelloch,

auch das will noch erledigt sein,

davor kann er unmöglich heim.

*

Endlich dann um Viertel zwei,

sitzt er vor der Tastatur,

wie Tasten einer Klaviatur,

die Finger kreisen oben drüber,

der Curser blinkt und blinket wieder,

und da schlägt’s schon viertel drei.

*

Jetzt hast dich so hergeschunden!

Das Blatt ist weiß, schreib’s endlich nieder!

Tja wie war das noch gleich gegangen?

Die Frau, ein Mann  – und er gefangen?

Der Curser blinkt und blinket wieder –

doch die Ideen sind verschwunden.

 

Eugen Roth (24. Januar 1895 – 28. April 1976): dt. Lyriker und Meister der humoristischen Verse. Seine „Ein Mensch“-Gedichten begeistern bis heute viele Leser – kein Wunder, hat er doch geschafft, was neben Wilhelm Busch nur wenige hingekriegt haben: alltägliche Nebensächlichkeiten zur Hauptrolle zu machen, weil sie es sind, die uns menschlich machen.

(c) Kelly Sikkema

 

 

 

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