unmenschlich

„Hört Lokalradio, sonst sterben wir“

oder: Von großen Fischen in kleinen Läden

Radiojournalistinnen bei der Bayernwelle_ (c) Angelina Kwoczalla & Katja Ilnizki

Die eine ist mit 27  Chefredakteurin der Bayernwelle, die andere als Reporterin dort verantwortlich für 15 Gemeinden: Katja Ilnizki und Angelina „Angie“ Kwoczalla haben ihren Traumjob gefunden, aber er macht es ihnen nicht leicht. Im Interview erzählen sie weshalb man als Radiomacher oft der „Depp“ ist und es sich trotzdem lohnt, warum selbst spuckende AFDler was Positives haben, Gospelsingen der journalistischen Seele auf die Sprünge hilft und eine Watschen bisweilen der Selbstfindung dient.

Ihr seid beide Hörfunkjournalistinnen im Privatradio. Was hat euch dazu gebracht?

Angie: Bei mir war die Sache mit dem Radio Zufall. Ich hab angefangen mit Lehramt, Deutsch und Religion in Salzburg. Ich bin noch mit meinem Papa zur Einschreibung gegangen, weil ich unter 18 war. Mit dem Studium war ich nicht glücklich und hab dann ohne Plan Germanistik studiert. Dann wollte ich fürs Medienstudium nach Innsbruck und dachte, bevor irgendwas mit Medien machst, solltest auch mal bei Medien arbeiten und bin als Praktikantin bei der Bayernwelle gelandet. Nach sechs oder sieben Wochen bin ich zu meinem Volontariat gekommen.

(c) Jonathan Velasquez

Das ging ja ungewöhnlich flott, oder?

Angie: Ja, mir ist es aber vorgekommen wie ein Jahr, weil das eine total intensive Zeit war – zunächst bin ich in der Sitzung gesessen und war schockiert, was da so wichtig war…z.B. der „Tag der Glatze“…da hab ich gedacht: Das ist eher unter meinem Anspruch. Es hat sich aber viel im Sender geändert. Mittlerweile bin ich fixe Redakteurin bei der Bayernwelle.

Katja: Ich hab mit zehn schon gewusst, dass ich Journalistin werden will. Meine Oma hat mich auf Pressetermine mitgenommen und die ist heute noch rasende Reporterin für ein Tagblatt, mit über 80! Ich hab für die Schülerzeitung geschrieben. Dann stand das Abi vor der Tür. Was machst jetzt bis zum Studium, hab ich gedacht. Ich hab ein Radiopraktikum gemacht und dann Politikwissenschaften in Salzburg angefangen. Daneben wollte ich erst das Uni-Radio aufbauen, dann eine Fernsehsendung gestalten – eine Art Kneipentalk – war aber als Einzelkämpferin überfordert. So bin ich mit anderen Leuten zusammengekommen und hab eine Show mitaufgestellt.

Wow, gleich eine richtige Show?

Katja: Eigentlich waren wir ein Haufen junger Leute, die so getan haben als könnten sie Fernsehen machen [lacht].  Es war mit viel Arbeit, viel Spaß und cooler Erfahrung verbunden. Nach dem Studium hab ich nochmal ein Praktikum gemacht und mich dann als Volontärin bei der Bayernwelle beworben – aus strategischen Gründen. Du kannst schneller ein großer Fisch im kleinen Teich werden als umgekehrt. Ich bin auch ein wahnsinnig schlechter Zuarbeiter. Deswegen hab ich mir gedacht, es ist geschickt möglichst schnell möglichst weit raufzukommen. Dann war das Volontariat zu Ende und seit April 2018 bin ich die Redaktionsleitung.

(c) Kwoczalla & Ilnizki

Was fasziniert euch speziell am Radio?

Katja: Ich empfinde meine Arbeit beim Radio als ein ziemliches Privileg, weil ich aus Interesse ein Hobby gemacht habe, daraus ist Leidenschaft geworden und die hab ich zu meinem Beruf gemacht. Ich würde mir bei vielen jungen Radiomachern wünschen, dass die das als so toll und erfüllend empfinden wie ich.

Was ist denn das Besondere?

Katja: Ich find‘s unfassbar spannend, dass es jeden Tag was Neues ist, dass man mit vielen Leuten zusammenkommt, dass der Politiker mit seinem O-Ton genauso wichtig ist, wie wenn du über den Mindestlohn bei einer Reinigungskraft sprichst – die Reinigungskraft ist genauso bedeutend. So kannst du jeden Tag dein Wissen erweitern. Ich steh voll auf Allgemeinbildung. Abends denk ich mir, krass – heut hab ich gelernt wie ein Bebauungsplan aufgestellt wird. Das ist ein Beruf, in dem du nicht verblödest, sondern in dem du dein Wissen und deinen Geist total erweitern kannst.

Angie: Mir geht’s ähnlich. Ich hab mir einen Job gewünscht, wo ich jeden Tag an mir wachse und mich weiterbilde; einen Job, der mit Routine wenig am Hut hat. Ich könnte mir nach wie vor vorstellen bei der Polizei zu arbeiten, Bundeskanzlerin zu sein, meine eigene Landwirtschaft zu haben oder als Hufschmiedin zu arbeiten – kann ich aber nicht, weil ich nur ein Leben hab. Aber ich hab das Gefühl, dass der Journalismus mir da die breiteste Möglichkeit bietet.

Euer Privileg ist auch, dass ihr bei der Bayernwelle recht frei in der Gestaltung seid. Könnt ihr den Sender kurz charakterisieren?

Angie: Mit dieser Frage haben wir uns intensiv auseinandergesetzt, weil wir der Meinung sind, dass viele Medien das nicht mehr tun: Wer ist unsere Zielgruppe und was wollen wir denen mitgeben? Bei uns ist das die klassische Familie, ländlich geprägt, überwiegend katholisch bzw. religiös, also bürgerliches Leben von Handwerker bis Hausfrau. Wir wollen jeden mitnehmen. Vom Alter her ist unser Publikum 30 bis 50, auch jünger. Das ist wichtig. Nur die Jungen können den Sender am Leben halten.

Katja:  Wir haben auch keinen „Tag der Glatze“ mehr. Wir wollen die Leute zur Meinungsbildung anregen und sagen: Schaut her, wir geben euch vor der Landtagswahl die Interviews, macht euch euer Bild, geht wählen! Also: Nicht „Tag der Glatze“, sondern steht die Welt vor meiner Haustür noch? Was passiert heut? Geh ins Büro und sei im Bild, worüber die anderen sprechen, sei nicht du derjenige, der sich dumm fühlt, weil er nicht mitgekriegt hat, was wichtig ist…

Angie: Genau. Wir machen als Privatradio Infotainment. Es ist nicht nur Musik, wir legen bei uns immer noch wert auf Worte. Wir versuchen Beiträge zu gestalten, auch wenn man ständig kürzer werden muss, aber es ist wichtig. Insgesamt würd ich sagen, die Bayernwelle ist persönlich, nah, regional.

(c) Eric Nopanen

Ihr habt die Bayernwelle neu aufgestellt. Was war bzw. ist euch wichtig, um junge Leute abzuholen?

Angie: Konkret bedeutet das Themen zu finden, die die Menschen wirklich ansprechen, bewegen, lokale Inhalte zu liefern.

Katja: Angefangen hat das in vielen Biertrinkerrunden, wo wir gemerkt haben, dass jeder an irgendeiner Stelle unzufrieden ist mit dem Produkt, obwohl er ganz viel Leidenschaft da reinsteckt. Wir versuchen das Produkt besser zu machen, damit wir voller Stolz sagen können, wir haben die Bayernwelle für die Zukunft aufgestellt.

Mit etwa Mitte 20 seid ihr relativ jung für so viel Verantwortung. Habt ihr nie dran gedacht, dass ihr scheitern könntet?

Angie: Nein, weil wir das Gefühl haben, wir bilden uns ja in dem Bereich fort und versuchen nicht blauäugig in was reinzustarten. Klar ist es auch wahnsinniges learning by doing. Klar gibt’s Ideen, die dann nicht funktionieren. Aber daraus lernt man und ich finde, dass wir dadurch schon viel geschafft haben.

Katja: Im Alltag gibt es aber auch mal Momente, wo man überfordert ist, auch in meiner Situation, wo ich eine Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber hab. Es ist wichtig, dass ich die Schäfchen beisammen halte – da gibt`s schon Situationen, wo ich das Gefühl hab, dass ich absolut scheitere…

Angie: Aber wir haben eine Richtung und in die gehen wir. Ich mach mir keine Sorgen. Man bekommt ja auch Feedback. Wenn die Leute sagen: „Hey coole Sache, was ihr da macht und ihr macht das gut!“ – dann ist das Bestätigung.

Was ist die größte Herausforderung für euch?

Katja: Ich find’s ein großes Problem, dass man viel Programm hat, gleichzeitig aber auch viel und qualitativ hochwertigen Inhalt haben möchte. Wir stoßen schlicht an die Grenzen der Personalkraft Da haben wir jetzt inzwischen glücklicherweise aufgestockt, aber ich erinnere mich an letztes Jahr: Dienststart um 05.00 Uhr und dann bis 19.00 Uhr Nachrichten. Ein never-endig-Sprint von Stunde auf Stunde. Aber wir hatten kein Personal mehr, das mit Nachrichten on air gehen konnte. Am Ende – nach Wochen Doppelschicht inklusive Wochenende – bin ich zusammengeklappt.

Angie: Ich hab zum Beispiel alleine einen ganzen Landkreis zu beackern, mit 15 Gemeinden und Städten. Die Realität ist halt, dass ich nicht von neun in der früh bis acht Uhr in der Nacht dasitzen kann, dann in den Stadtrat geh, die Sachen fertig mach, dann in den Sender geh und um zwei Uhr nachts im Bett bin. Wenn ich‘s könnte, würd ich‘s tun. Das Problem ist, dass jedes Dorf unterschiedlich ist und unterschiedliche Belange hat. Das alles zu vereinbaren ist unmöglich, aber wir versuchen es.

Katja: Es gibt da auch ein generelles Imageproblem. Das fängt beim Personalmangel an. So hat sich das durchgesetzt, dass der Bayrische Rundfunk immer ernster genommen wird als eine Bayernwelle, aber das basiert nicht auf Fakten.

Angie: Genau. Du hast dieselben Termine, dieselben Töne, du leistet alleine die Arbeit von drei. Stehst da mit Handy in der Hand, Mikro, Kamera und interviewst gefühlt fünf Leute gleichzeitig.

(c) Kwoczalla & Ilnizki

Andererseits lernt man alleine mehr, oder?

Katja: Die schlimmste und gleichzeitig beste Sache, die mir mal passiert ist war ein Interview mit Frauke Petri, damals noch AfD-Chefin. Nur wenige durften sie interviewen. Ich war stolz wie Oskar, aufgeregt wie Sau – das ist jetzt deine Chance als studierte Politikwissenschaftlerin hab ich gedacht – „a gmahte Wiesen“. Dann bin ich kläglich gescheitert. Nach dem Pressegespräch hat mich dann auch noch ein  AfD-Anhänger angeschrien, Zitat: „Du schwule Radiosau verpiss dich“, und hat mir vor die Füße gespuckt. Ich hab mich ins Auto gesetzt und zu heulen angefangen. Aber ich hab viel aus der Sache gelernt in puncto Interviewführung und Selbstsicherheit.

Als Privatsender finanziert ihr euch über Werbung. Wie ist das mit der Entlohnung, wäre mehr drin?

Katja: Natürlich. Die Mitarbeiterzufriedenheit würde rasant steigen, wenn du deine ganze Zeit in ein Produkt steckst und dann am Ende des Monats nicht jeden Euro umdrehen musst.

Angie: Ich glaub auch, dass es den Job attraktiver machen würde. Im Augenblick bist ein Depp, wenn du das machst. Du ruinierst dich zeitlich, gesundheitlich, finanziell, dein soziales Leben. Viele wundern sich, dass überhaupt noch wer den Job macht. Aber es ist ein geiler Job und mit Verbesserung der Umstände könnte der auch wieder mehr Personal anziehen.

Bei so viel Arbeit müsst ihr auch mal entspannen – was macht ihr zum Ausgleich?

Angie: Ich bin ein Bühnenmensch. Ich hab eineinhalb Stunden in der Woche, die mir heilig sind bei meinem Gospelchor. Weil Musik einfach Seelenheil ist. Da steh ich dann auch mal am Samstag auf ‘ner Hochzeit und am Sonntag auf ‘nem Konzert am Abend, was zwar Energie kostet, aber es pumpt dich auch mit Energie voll.

Katja: Ich bin auch in der Freizeit wahnsinnig viel innerhalb der Branche unterwegs. Mir hilft das viel, wenn ich mit befreundeten Leuten am Abend in der Kneipe bin und über die Arbeit rede. Wir spinnen Ideen. Das verschafft mir total Befriedigung. Ansonsten: Lesen, Gesellschaftsspiele spielen, Südtirol…natürlich Freunde, ah und – ich lieb Fernsehen schauen…

Angie: RTL 2 [flüsternd]

Katja [lacht]: Na das nicht. Aber ARD oder ZDF-Filme oder Serien. Ich bin aktuell an einem Podcast-Projekt dran und ich versuche ein Buch zu schreiben, einen Wirtschaftskrimi. Den Plan hab ich, jetzt gilt es die Geschichte mit Leben zu füllen. Bis jetzt hab ich rund 120 Seiten…

(c) Blaz Photo

Wann werden wir es zu lesen kriegen?

Katja [lacht]: Frag mich nochmal, wenn ich 80 bin.

Eingespannt im Job und gut beschäftigt in der Freizeit – gibt’s da noch Platz fürs Liebesleben?

Angie: Nein. Funktioniert bei mir nicht mit der Arbeit.

Katja: Bei mir funktioniert es schon. Mein Freund ist aber auch ein sehr verständnisvoller Mensch. Was hilft ist, dass er aus der gleichen Branche kommt.

Ihr seht euren Job praktisch als Berufung. Sollten junge Leute heut mehr Passion  bei ihren Entscheidungen an den Tag legen?

Angie: Grundsätzlich glaube ich, dass ganz vielen Menschen diese Leidenschaft fehlt.

Katja: Mir geht die vollkommen planlose und unreflektierte Jugend auf den Geist. Ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren. Aber im 30. Semester Ägyptologie studieren, sich das von zuhause finanzieren lassen und ohne geringste Zukunftsidee da reinzustarten finde ich fahrlässig. Außerdem ist es massiv unsexy mit 35 in einer WG zu hausen zwischen leerem Dosenbier und einer Matratze auf dem Boden – aber das ist nur meine Meinung.

Angie: Ja, manche sind noch immer in der Selbstfindungsphase 15 Jahre nach dem Schulabschluss. Mein Papa hat gemeint, er hat sich mit 15 schon gefangen, als ihm sein Vater eine reingehauen hat: Du wirst jetzt Metzger. Da habe er sich „selbst gefunden“ in dem Moment.

Vorlauter Möglichkeiten steigt aber auch der Druck und viele überfordert das…

Angie: Das versteh ich total. Da hast du dann ein, zwei Jahre wo du denkst: „Fuck, was fang ich mit meinem Leben an?“ Du hast so viele Möglichkeiten, so viele Träume, aber traust dich nicht. Früher gab‘s halt nicht viele Möglichkeiten. Heute ist das einerseits ein Privileg, aber ich glaub auch, dass es keine leichte Aufgabe ist…

Katja: Ja, Etappen des Selbstzweifels gibt es letztlich immer.

Ein Ausblick noch in die Zukunft, wo wollt ihr hin?

Angie: Irgendwann möchte ich im Madison Square Garden stehen und Musik machen [lacht]. Nein Spaß, also was ich gerne machen würde ist ein buntes Programm, ähnlich wie Barbara Schöneberger: mit Musik, Kabarett, Journalistischem und Couch. All das unter einen Hut zu bringen wär schon cool – und am Ende auch selbst der Mensch zu sein, den ich mir früher gewünscht hätte. So einer, an dem man sich orientieren kann.

Katja: Bei der Bayernwelle möchte ich es schaffen den Sender auf zukunftstaugliche, stabile Beine zu stellen. Selbstständigkeit ist für mich aktuell ein großes Thema. Programmberatung, Coaching, Seminare halten und Speaker sein – das macht mir wahnsinnig Spaß. Ansonsten einfach Lösungswege für Sender erarbeiten und selbst journalistische, unabhängige Projekte auf die Beine stellen. Das ist so der Plan – ich will mit 80 sagen können, ich hab einen Großteil meines Lebens mit Dingen verbracht, die ich mit Leidenschaft und Idealismus gemacht hab.

(c) Will Francis

Eure Botschaft an die LeserInnen und HörerInnen?

Katja: An die Hörerinnen und Hörer: Hört Lokalradio – denn niemand ist näher dran und wisst zu schätzen, dass es für euch Lokalradio gibt. An die Geschäftsführer und Programmchefs: Macht nicht alles zu Geld und traut euch den Betrieb auf den Kopf zu stellen.

Angie: Die Botschaft an alle Stationen: Habt mehr Selbstbewusstsein und verändert was in euren Betrieben…Und ja, hört Lokalradio!

Katja: ….sonst sterben wir.

Abschließend gibt`s noch unsere drei bekannten Fragen:

Wann habt ihr das letzte Mal etwas zum 1. Mal gemacht?

Katja: Ich hab mir Kabelfernsehen zugelegt – es ist großartig!

Angie: Buchmesse.

Einmal und nie wieder?

Angie: New York

Katja: Krasses Fahrgeschäft auf Volksfesten [Achterbahn, Anm.]

Wenn du eine Sache ändern könntest in deinem Leben, was wäre das?

Angie: Ich hätte ein Musikstudium gemacht.

Katja: Ich hätte die eine oder andere Idee wesentlich schneller und risikobereiter umgesetzt.

 

Wer Lust bekommen hat: Die Bayernwelle zum Reinhören

 

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