unweltlich

Die arbeitende Generation Y im Check

Zwischen rosigen Aussichten und blauäugigen Erwartungen

(c) Rrawpixel

Wir wollen nicht fix angestellt sein, suchen eher den Sinn als die (geldselige) Karriere, sind freizeitverliebt und wären am liebsten überall zu Hause – das ist das Bild, das die Gesellschaft heute gern von der sogenannten Generation Y zeichnet, aber trifft das auch zu? Wie schafft unsere Generation den Sprung in die Arbeitswelt, welche Bedingungen findet sie vor, was ist ihr wichtig und was wäre zu verbessern? Unhappyus hat sich mit einer Umfrage einen ersten Eindruck verschafft.

Juli. Wer weiß noch, wie das war? Kaum tritt man aus dem Schulhof, den druckwarmen Matura-Wisch zwischen den Fingern, eben noch zufrieden an seinem Abschlussbierchen nuckelnd, drängt sich im Hinterstübchen schon die Frage auf: Was nun – und gibt einen Vorgeschmack auf das, was ansteht – ernsthafte Zukunftsgestaltung. Bald geht’s um die Jobwurst…entweder gleich oder mit Aufschub, je nachdem wofür man sich entscheidet: Lehre, Studium oder gleich Arbeit? Die Generation Y kommt in den qualvollen Genuss zahlreicher Möglichkeiten.  Wird man nun besser Handwerker mit Geld, aber ohne Titel oder wird man eher Akademiker mit Titel, aber vielleicht ohne Job (was längst nicht mehr nur Orchideenfächer betrifft)?

(c) Josh Couch
Die Qual der (Ausbildungs)wahl

53 junge Männer und Frauen zwischen 19 und 32 Jahren haben uns in einer (nicht repräsentativen, aber trotzdem interessanten!) Umfrage ihre Sicht der Dinge zum Thema Berufsleben mitgeteilt – unter anderem auch, wie sie sich für ihren Weg entschieden haben. Das Ergebnis stimmt optimistisch. Etwa zwei Drittel hat seinen Ausbildungsweg rein nach Interesse gewählt, ein weiteres Drittel hat den Arbeitsmarkt miteinbezogen und einige wenige haben sich nur am Arbeitsmarkt orientiert.

 

(c) Tim Gouw
Generation Praktikum statt Arbeit

Unabhängig davon verlief der Weg zum Job für die meisten über zwei bis fünf Praktika. Ohne Vitamin B bleibt einem diese berufliche „Musterung“ nicht erspart, kann aber durchaus nützlich sein. So werden die angehenden „KadettInnen“ nicht nur von ihren Chefs kritisch beäugt, sondern beäugen auch ihrerseits das Unternehmen und gewinnen einen Eindruck.: z.B. den, dass manche Firma ihre potentielle Nachkommenschaft offenbar noch immer über Kaffee kochen, Kopieren und Nonsens-Arbeit  rekrutiert, wie aus der Umfrage hervorgeht.

Der überwiegende Teil scheint aber zum Glück doch an den fachspezifischen Fähigkeiten der Praktikanten interessiert. Ein Großteil der Befragten war recht zufrieden mit dem Arbeitseinblick und gab an, viel gelernt zu haben. Praktikum bringt‘s also (meistens), nur Geld gibt’s dafür kaum, da war man sich einig. Viele gaben an, für die verrichtete Leistung nur sehr wenig oder gar nicht entlohnt worden zu sein. Tatsächlich gibt es hierzulande nur für Pflichtpraktika eine gesetzliche Regelung bezüglich Finanzen. Der Rest ist Grauzone und basiert auf dem Einvernehmen zwischen Praktikant und Arbeitgeber – will heißen auf dem Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung.

Bewerbungsflut

Die Rechnung könnte sich nämlich bei späteren Bewerbungen bezahlt machen, sofern man dieser überaus wichtigen Textsorte mächtig ist (ironischerweise wird in der Schule darauf weit weniger Zeit verwendet als auf Gedichtsinterpretationen diverser Romantiker – was möglicherweise dazu beitragen mag, dass man in seinem Arbeitsleben mehrere Bewerbungsanläufe wagen muss).  Zwischen fünf und zehn Bewerbungen waren es im Schnitt bei unserer Umfrage bis zum ersten festen Job, zwei Personen haben sogar die Hundertergrenze geknackt.

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Arbeitsleben: Reality bites – sometimes

Letztlich ist aber Job nicht gleich Job. Was man sich erträumt hat, wird nach dem Abschluss oft auf eine harte Probe gestellt. Auch ein Großteil unserer Befragten ging mit blauäugigen Erwartungen in die Ausbildung, fand sich aber stattdessen eher mit „blauem Auge“ wieder:

„Recht rascher Überblick über die Möglichkeiten und dann konkret darauf bewerben. Realität: schon allein passende Stellenanzeigen zu finden ist schwierig; jedes Mal dann recherchieren zu Unternehmen und einige Stunden am Motivationsschreiben tippen und dann meist nicht einmal eine Antwort auf die Bewerbung erhalten.“

„Immer her mit dem Top-Gehalt. Bitte hinten anstellen ich muss mich erst entscheiden. Realität: viele Bewerbungen mit Standardgehalt.“

„Realität: Uniabschluss in der Privatwirtschaft als „Null Realitätserfahrung“. Man wird als „Theoriedepp“ abgestempelt. Per se, bekommt man Stellen leichter durch Kontakte als durch sein können. (ist aber leider nichts neues)

Kommt man dann endlich an den Job, ist der oft nicht das Gelbe vom Ei, wie man sich das erhoffte.

„Ich wollte die Welt erobern. Als ich dann dabei war merkte ich, dass ich in der falschen Branche damit angefangen habe, weil das Erobern zwar funktioniert, aber nicht sehr viel Spaß macht.“

Man arrangiert sich also. Einige hatten jedoch Glück – oft sind es jene, die bereits während des Studiums arbeiten oder im Handwerksbereich tätig sind. Auch nicht schlecht dran ist, wer die Situation von Anfang an realistisch betrachtet und „vorsorgt“, z.B. durch Zusatzqualifikationen. Fazit: Von nix kommt nix – aktiv sein, keine Baukubatur für Luftschlösser verschwenden und stattdessen halbwegs gezielt Reservepläne anlegen bzw. Arbeitsluft schnuppern.

Dann wird man z.B. feststellen, dass es sie noch gibt, die unbefristeten Verträge – auch wenn man danach suchen muss. Mehr als die Hälfte unserer Befragten hat sie gefunden, auch wenn eine befristete Vorlaufzeit im Unternehmen fast überall dabei war. Trotzdem sind die befristeten Verträge ebenfalls beliebt (mit Varianten von wenigen Monaten bis zu 5 Jahren) und werden so scheint‘s auch immer beliebter zwecks Flexibilisierung.

Karriere vs. Familie vs. Freizeit
(c) Simon Matzinger

Flexibler gestaltet sich auch die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Viele bestätigten,  dass es da eine Vermischung gibt, aber es herrscht auch ein großes Bewusstsein dafür, wo die Problemzonen liegen. Treffen mit Arbeitskollegen oder lockere Arbeitsgespräche in der Freizeit werden weit weniger eng gesehen als etwa obligate Erreichbarkeit. Das finden die meisten störend, außer sie arbeiten selbst in Führungspositionen. Kommt die Arbeit dann getarnt als Whats app oder facebook-Nachricht bzw. -Gruppe daher, ist man ebenfalls wenig amüsiert.

„Wenn ich Freizeit habe, mag ich ins Facebook gehen, ohne etwas von der Arbeit lesen zu müssen. Denn meistens drückt man ja doch auf die neue Nachricht in einer Gruppe.“

Die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben aufrecht zu erhalten versuchen viele, es gelingt aber nicht allen. In dem Fall gibt es dann schon mal „während der Saison so gut wie kein Privatleben“ oder:

„Du bist immer mit den Gedanken in der Arbeit, auch wenn du frei hast und egal wo du bist.“

Spätestens bei der Familiengründung sorgt das für Kopfzerbrechen. Der Wunsch nach Familie ist – trotz mehr eindeutiger NEIN’s als erwartet – doch auch heute noch eindeutig da, wie die Umfrage zeigt. Das mitschwingende „ABER“ ist allerdings ebenso präsent – die meisten Befragten möchten erst die finanzielle Situation geregelt haben und einen fixen Job. Man will Zeit haben für seine Familie und plant die Karriere vorher. Andere sorgen sich eher um den Wiedereinstieg nach dem Karenzjahr – im Übrigen gilt das alles auch für Männer, mit dem Unterschied, dass manche von ihnen ihren Vorteil klar erkannt haben: „Ich kann froh sein, dass ich ein Mann bin und Zeit habe.“

Money, money, money?
(c) Ishant Mishra

Zeit haben, um für seine Familie auch finanziell vorzusorgen: Sofern man nicht als Hippy ein naturverbundenes Dasein in Zelt und ganzjährigen Flipflops fristen möchte, ist Geld in unserer Gesellschaft doch nicht unwesentlich. Wie wesentlich, war man bei der Umfrage jedoch geteilter Meinung. Ein Drittel fand Geld wichtig und meinte sogar, es könne nie genug sein. Einem weiteren Drittel ist Geld an und für sich nicht wichtig – lieber ein schöner, erfüllender Beruf und mehr Freizeit. Das letzte Drittel braucht so viel Geld, dass es sich angenehm leben lässt.  Erfüllt haben sich die Erwartungen diesbezüglich nicht bei allen. Viele hätten sich was anderes erwartet. Bei manchen deckt sich die Realität allerdings doch recht gut mit der Erwartungshaltung – dank einer realistischen Einschätzung. Bei manchen ging diese Rechnung glücklich auf, andere müssen resigniert feststellen, dass sie sich ein Eigenheim wohl noch länger nicht leisten können, so wie sie es schon befürchtet hatten.

Extra-Wünsche

Was wäre also zu ändern? Da gab es viele Vorschläge, aber einige Bereiche wurden öfter genannt::

  • Praxisbezogenere Studiengänge und vor allem die Chance nach Studium / Ausbildung auch einen Job zu bekommen, ohne Berufserfahrung (die sich sonst ja nie einstellt);

„Wir drücken unsere Kinder durch die Schule und Uni, um sie dann auf einen Arbeitsmarkt zu schicken, der nicht nach ihnen gefragt hat. Praktika und Billig-Jobs ja, aber keine Nachfrage von Betrieben nach längeren Verhältnissen […]“

  • Eine Verbesserung bzw. eine Umrüstung des Schulsystems, inklusive der Möglichkeit einer späteren Umschulung.

„Mehr Menschlichkeit, Achtsamkeit, Miteinander. Weniger vergleichen, be- und verurteilen.“

  • weniger Arbeitsstunden, um eine bessere Life-Workbalance zu erzielen:

„Ich würde einen 6 Stunden Tag einführen. So kommt jeder zu allem Wichtigen. Ein ruhiger Morgen, dann die Arbeit, danach geht sich noch Sport aus, SELBST kochen, essen und dann genügend Schlaf.“ 

Und außerdem: Grundeinkommen als mögliche Lösung und auch mehr Flexibilität am Arbeitsplatz, sei es räumlich wie persönlich (Chefs sollten individueller auf die Mitarbeiter eingehen, mehr Feedbackgespräche) + überhaupt und generell Entschleunigung!

  • Gerechtere Bezahlung für Praktika, aber auch eine generelle Umverteilung (weniger Spitzen- und Hungerlöhne), bessere Verträge und keine Ausbeutung mehr (z.B. ewig dahinsiechende Honorarnotenzahlungen und lange Unklarheit bei Konkurs);
  • weniger kapitalistisches Denken!

Manche dachten noch wesentlich weiter:

„Ich würde das Gravitationsgesetz außer Kraft setzen und manchmal einfach weg schweben“

und auch nicht zu verachten:

„Weniger Leichtlebigkeit in Herzensangelegenheiten, niemand will sich mehr auf einen Partner einlassen, weil es doch noch was Besseres geben könnte.“

Insgesamt gibt ein Großteil der Befragten an, doch insgesamt ganz glücklich mit dem zu sein, was er / sie so macht – auch wenn hie und da noch Verbesserungsbedarf herrscht und man vielleicht doch mit einem Auge bisweilen etwas sorgenvoll in die Zukunft schielt. Alles in allem jammern wir auf sehr hohem Niveau…und so bleibt letztlich nur noch eine Frage zu klären:

Stimmt also das Bild der Generation Y, wie es unsere Gesellschaft zeichnet?
(c) Ben Duchac

Wollen wir wirklich nicht fix angestellt sein, eher den Sinn als die (geldselige) Karriere suchen, freizeitverliebt und überall zu Hause sein? Rekapitulieren wir: Leben ist dieser Generation wichtig, Freizeit und Life-Work-Balance scheinen dabei Schlagworte mit großer Priorität. Natürlich ist man auch flexibler, mobiler, will reisen – aber trotzdem bleibt für die meisten ein fixer Job und ein geregeltes (faires) Einkommen wichtig. „Sicherheit“ wird großgeschrieben, nicht nur grammatikalisch. Nach dem Sinn wird allerdings trotzdem gesucht und gelebt, selbst wenn es nicht immer der Weg zu Dagobert‘schen Geldspeichern sein mag. Die Antwort ist also letztenendes: jein. Auch die Generation Y lässt sich nicht in eine Schublade stecken, aber sie weiß, in welche Richtung es gehen sollte und das ist in der heutigen chaotischen Zeit doch schon viel wert.

 

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