unveröffentlicht

Katharsis

Eine Geschichte.

Leben, Liebe, Tod, Geschichte, Literatur, unhappy us, Blog, Innsbruck(c) Casey Horner

Wie Regentropfen prasselten meine ungeduldigen Finger auf das Lenkrad nieder. Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass sich meine Angebetete abermals um einige Minuten verspäten würde. Das Warten machte mich nervös. Immerhin handelte es sich nicht nur um ein außereheliches Naschen, sondern auch um eine meiner Studentinnen, mit der seit einigen Wochen ein alles andere als lupenreines Verhältnis pflegte. Meiner Frau hatte ich erzählt, dass mich die Prüfungszeit wieder nicht aus ihren Klauen entlässt – so gutgläubig, wie sie nunmal ist, hatte sie nicht einmal die Stirn gerunzelt, sondern mir lediglich ein zusätzliches Jausenbrot eingepackt.

Hungrig war ich so zwar nicht mehr, das schlechte Gewissen plagte mich aber dennoch. Ich liebte sie noch immer, doch irgendwie fehlte unserer Ehe das gewisse Extra, diese Aufregung, die mich mit meinen zweiundfünfzig Jahren immer noch lebendig fühlen ließ. Das Monster in meiner Magengrube versuchte ich mit dem Gedanken zu besänftigen, das dieses Mal wirklich das letzte Mal sein werde. Sein hässliches Haupt wollte es aber nicht senken, hörte es diese Beschwichtigungen doch bereits in den vielen Wochen zuvor.

Ich schaltete das Radio aus. Diese Musik, die Woche für Woche einem einfallslosen Kaleidoskop zu entspringen schien, diese stets bestens gelaunten Moderatoren, die ihre einstudierten Witzchen mittels Ultrakurzwellen um die Welt gehen ließen – ich konnte es nicht mehr ertragen. Überhaupt machte mir der banale Zeitgeist zu schaffen. War diese Welt wirklich das, wofür Kain einst seinen Bruder Abel den Stein schmecken ließ? Haben wir Menschen irgendwo eine Abzweigung verpasst und sind gedankenlos weitergezogen – der völligen Sinnleere entgegen?

Mein Vater hatte einst nach dem Krieg ein Geschäft aufgebaut, eine Familie in die Welt gesetzt und hauchte letztlich völlig erschöpft im sterilen Licht eines Krankenhauszimmers sein Leben aus – und ich? Ich saß einfach nur da, lauschte der Klimaanlage und wartete auf das blutjunge Mädchen, mit dessen Bekanntschaft ich meinen gemütlichen Versorgungsposten, meinen guten Ruf und überhaupt mein gesamtes Leben auf’s Spiel setzte.

 

Vermutlich hätte ich minutenlang so weitergeträumt, meinen Selbsthass kultiviert und doch nicht die richtigen Schlüsse für meine Zukunft gezogen – wäre nicht mit einem Schlag die Tür auf der Beifahrerseite aufgerissen worden. Verdutzt blickte ich in das Gesicht eines Fremden, der mir mit einem Finger zu schweigen gebot.

„Fahren Sie los“, sagte der Unbekannte mit ruhiger Stimme.

 

Leben, Lieben, Literatur, Geschichte, Blog, Unhappyus, Innsbruck
(c) Xandtor

„Na, hören Sie mal, junger Mann…“, setzte ich zur einer Entgegnung an. Da öffnete der Mann mit einem schiefen Grinsen seinen Mantel und zeigte mir den Griff einer Pistole. Wahrscheinlich hätte mir jeder Polizist in dieser Situation geraten, einfach gepflegt den Schnabel zu halten und etwaigen Anweisungen widerstandslos zu folgen. Doch irgendetwas in mir wollte es nicht gut sein lassen.

„Ich weiß nicht, in welchen Schwierigkeiten Sie stecken – und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht. Bedrohen Sie mich ruhig, aber ich werde mich gewiss nicht in irgendwelche kriminellen Machenschaften hineinziehen…“, plapperte ich fast selbstmörderisch vor mich hin, während mein unliebsamer Beifahrer nur verständnisvoll nickte. Unheimlich flink zog er mit der rechten Hand seine Waffe, was mir ein jämmerliches Quieken entlockte. Freilich hatte ich keinerlei Ahnung, um welches Modell es sich handelte, doch der aufmontierte Schalldämpfer verriet selbst mir als unbescholtenen Laien, dass ich es offenbar mit einem kaltblütigen Profi zu tun hatte. Im Bruchteil einer Sekunde bereute ich jede Affäre, jede zu unrecht vergebene Klausurnote und versuchte, Frieden mit meinen Schöpfer zu schließen. Dabei richtete der Hartgesottene nicht etwa die Waffe auf mich, sondern auf seine linke Handfläche – und drückte ab.

„Scheiße“, fluchte der Mann, kicherte aber ein wenig, während fremdes Blut auf das Armaturenbrett meines Jaguars spritzte, die Kugel ein hässliches Einschussloch hinterließ und ich einen durchaus mädchenhaften Schrei unterdrückte. Irre Augen trafen meinen entsetzten Blick und der Fremde musste mich nicht erneut bitten. Als wäre der Teufel hinter mir her, bog ich ohne Blinkzeichen aus der Parklücke, ignorierte das hasserfüllte Hupen hinter mir und fuhr los.

„Wohin wollen Sie?“, fragte ich nach ein, zwei Minuten schüchtern. Trotz der Ausnahmesituation war ich ohne nachzudenken an einer roten Ampel stehengeblieben. Den Fremden schien es nicht zu kümmern.

„Zum Stadtrand“, antwortete der Mann, während sein Blut die sündhaft teuren Ledersitze meines Wagens wohl hoffnungslos ruinierten. „Sie wissen schon – wo das Geschmeiß, der Abschaum dieser hübschen Metropole zu hausen pflegt.“

Stumm fuhren wir weiter. Meine Hände zitterten noch immer, doch nicht mehr so sehr wie am Anfang. Der Mensch gewöhnt sich an alles, wie es scheint, dachte ich mir im Stillen. Mein Beifahrer schaute teilnahmslos aus dem Fenster, die Waffe im Schoß. Der Schmerz in seiner Hand schien ihm nichts auszumachen. Zumindest ließ er sich nichts anmerken.

„Im Handschuhfach, da wäre ein Verbandskasten – wenn Sie möchten“, sagte ich und wusste nicht, warum. Meine Eltern wären wohl stolz gewesen, gute Kinderstube und so. Der Fremde wirkte überrascht.

„Oh, gut zu wissen – ich danke“, murmelte mein Beifahrer, griff in das Handschuhfach und brachte eine rote Tasche mit einem weißen Kreuz zum Vorschein. Mit seiner gesunden Hand kämpfte er ein wenig mit dem Reißverschluss. Aus einem Instinkt heraus hätte ich ihm beinahe geholfen, entschied mich aber schließlich dagegen. Plötzliche Handbewegungen meinerseits hätten immerhin ein böses Ende nehmen können.

Mit den Zähnen riss mein ungewöhnlicher Entführer ein Verbandspäckchen auf. Während er ruhig seine Hand einbandagierte, dachte ich nach. Was könnte der Grund für diesen Überfall sein – vielleicht Habgier? Recht unwahrscheinlich, schloss ich. Welcher Kriminelle nimmt eine Geisel und schießt sich in die eigene Hand, wenn er mich doch einfach mit vorgehaltener Waffe um Geldtasche, Armbanduhr und Autoschlüssel bitten könnte? Der aufmontierte Schalldämpfer seiner Waffe ließ mich hingegen an einen Auftragsmörder denken. Doch fiel mir beim besten Willen niemand ein, der einen solchen Groll gegen meine Person hegen könnte, dass er solche Dienste in Anspruch nehmen würde. Zugegeben, ich war oft alles andere als ein umgänglicher Mensch, doch hatte ich keiner Seele jemals ernsthaft etwas zuleide getan. Wäre es ein Kriminalfilm, könnte womöglich meine Frau der mysteriöse Auftraggeber sein, was aber eine recht absurde Wendung wäre. Immerhin wusste sie nichts von meinen ehelichen Fehltritten und war zudem die unschuldigste Person, die ich jemals getroffen hatte. Ihr kamen sogar die Tränen, wenn sie nur an die Todesszene von Bambis Mutter dachte.

„Was machen Sie so?“, fragte mich der Fremde plötzlich und riss mich aus meinen Gedanken: „Ich meine, um ihre Brötchen zu verdienen?“

Ich sei Professor an der örtlichen Universität, antwortete ich knapp.

„Was unterrichten Sie?“, blieb mein Beifahrer weiter neugierig.

„Philosophie. Mein Spezialgebiet sind die Denker der griechischen Antike.“

„So, so“, sagte der Mann. Seine Stimme ließ eine gewisse Amüsiertheit erahnen.

„Wissen Sie, ich hätte auch gerne studiert. Doch irgendwie kam mir das Leben dazwischen“, ließ mich mein Beifahrer wissen und schielte auf meine Armbanduhr: „Wie ich sehe, lässt es sich mit dem Gehalt eines Philosophieprofessors aber offenbar recht gut auskommen…“

„Man lebt“, meinte ich etwas empört, schämte mich aber seltsamerweise ein wenig. Scheinbar war mein Gegenüber nicht unbedingt auf die Butterseite des Lebens gefallen.

„Nehmen Sie es mir nicht übel, Alter“, beschwichtigte mich der Mann, dem meine Verlegenheit augenscheinlich auffiel: „Sie wirken nur wie ein Mann, der ein Faible für die schönen Dinge im Leben zu pflegen scheint. Wenn wir einfache Menschen an Philosophen denken, haben wir zumeist den dürren Diokrates in seinem Fass vor Augen.“

„Diogenes“, verbesserte ich ihn aus alter Gewohnheit heraus.

„Darf ich Sie erinnern, dass ich eine Waffe habe?“, entgegnete mein Beifahrer fast liebenswürdig.

„Schon gut“, antwortete ich rasch.

Wieder blieben wir stumm, diesmal für längere Zeit. Beinahe hätte ich vergessen, dass neben mir ein Mann mit einer Pistole saß, der mir vielleicht den Weg zu einer abgelegenen Gasse wies, in deren Dunkelheit er mir bequem eine Kugel durch den Hinterkopf jagen konnte. Auch die Abenddämmerung setzte mittlerweile langsam ein, während die Kinder des städtischen Armenviertels in abgerissenen Kleidern und mit zusammengekniffenen Augen meiner Limousine nachblickten. Mein Beifahrer blieb stumm und ich fragte auch nicht nach dem Weg. Immerhin gab es nur eine gerade Hauptstraße und wenn ich abbiegen sollte, würde er es mich wohl wissen lassen.

„Fahren Sie rechts ran“, wies mich der Fremde plötzlich an: „Dort drüben, bei der Kneipe mit dem Neonschild.“

Leben, Liebe, Tod, Geschichte, Literatur, Blog, Unhappy us, Innsbruck
(c) Jesse Williams

 

Ich tat, wie mir geheißen wurde, und wollte gerade den Schlüssel abziehen, als mich der Mann anwies, den Wagen laufen zu lassen.

„Sie haben eines dieser modernen Mobiltelefone, nehme ich an?“, erkundigte sich der Fremde.

Ich bejahte, etwas verwundert über die seltsame Frage.

„Sehr gut“, meinte der Mann entzückt. Welcher Betrag sich denn momentan in meiner Geldbörse befinde, wollte er weiter wissen. Das wüsste ich nicht so genau, gab ich zu Protokoll. Es dürfte wohl ein dreistelliger Betrag im niedrigen Bereich sein. Mein Beifahrer reagierte mit dem leichten Heben einer Augenbraue.

„Hören Sie gut zu“, bat der Fremde um meine Aufmerksamkeit, die er dank seiner Waffe freilich bereits seit geraumer Zeit genoss. „Sehen Sie den Briefkasten, ganz links an der Hausmauer? Sie steigen aus und werfen ihr Mobiltelefon und ihre Geldtasche dort hinein – und vielleicht auch gleich ihren hübschen Chronographen, wenn wir schon dabei sind. Wenn Sie das erledigt haben, steigen Sie wieder ein.“

Verwirrt öffnete ich die Tür meines Wagens, als mich der Mann aus dem Nichts am Arm packte. Der Griff war sanft und doch zuckte ich unwillkürlich zusammen. „Denken Sie bitte nicht daran, wegzulaufen“, sagte der Fremde leise: „Ich bin ein außergewöhnlich guter Schütze, das können Sie mir getrost glauben.“

Mit butterweichen Knien und der Furcht, ein lauwarmes Etwas könnte womöglich mein Hosenbein hinunterkriechen, trat ich den Weg zum Briefkasten an. Ich spürte den Blick des Mannes in meinen Rücken, traute mich aber nicht, über meine Schulter zu schauen. Der Fremde hatte mir ja bereits sein heißblütiges Temperament und sein flinkes Bewegungsvermögen bewiesen. Als der Auftrag erledigt war, stieg ich wieder in meinen Wagen, atmete tief durch und wartete auf weitere Anweisungen.

„Das haben Sie gut gemacht, wirklich“, lobte mich der Fremde. „Legen Sie einen Gang ein und fahren Sie los – wir haben noch einen weiten Weg vor uns, mein Freund“, sprach der Mann verschwörerisch: „Zur Küste!“

Die Sonne war längst untergegangen, als mein Begleiter und ich die Stadt hinter uns ließen. Erst beim Anblick des funkelnden Sternenhimmels merkte ich, wie lange ich schon nicht mehr außerhalb des Lichtkegels meines bekannten Ballungszentrums gewesen bin. Ich war als Stadtkind geboren worden und vielleicht war es mir nun bestimmt, in der Peripherie zu sterben. Tatsächlich ging ich mittlerweile felsenfest davon aus, dass dies wohl meine letzte Fahrt sein werde. Interessanterweise war die Nervosität, die Furcht vor dem Fremden unbemerkt von mir abgefallen. Natürlich hätte ich mir gewünscht, zumindest meiner Frau Lebwohl sagen zu können, doch mein Telefon klingelte wohl zu dieser Zeit unablässig in einem Briefkasten am Stadtrand.

In meiner Jugendzeit plagte mich oft die Melancholie und so hatte ich mich eingehend mit Epikur und seinen Lehren beschäftigt. Eigentlich ist er bis heute mein Liebling unter den griechisch-bärtigen Philosophen geblieben. Seine Abgeklärtheit gegenüber dem unvermeidlichen Ende unserer Existenz beeindruckte, tröstete mich. Das Auslöschen jeglicher Empfindung – das klang recht reizvoll, gerade angesichts des Umstandes, dass ich noch einmal das Rauschen des Meeres hören und den Geruch von Salz in der Nase haben werde.

Leben, Tod, Geschichte, Literatur, unhappy us, Blog, Innsbruck
(c) Anton Sharov

„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte ich meinen Beifahrer, der seit dem Zwischenfall mit dem Briefkasten wieder wortlos dasaß, die wechselnde Szenerie während der Fahrt in sich aufnahm und nur hin und wieder leise Melodien summte. Er wirkte gelassen, doch längst nicht mehr so gelassen wie zuvor.

„David “, antwortete er mir zögernd, nachdem er wie in einer Trance gefangen wieder in die Realität zurückkehrte: „Ich heiße David.“

„Freut mich, David“, sagte ich, wobei mir die Lächerlichkeit dieser höflichen Floskel angesichts unserer pikanten Situation bewusst war: „Mein Name ist Theodor.“

„Schön, Sie kennenzulernen“, erwiderte der Mann langsam, den ich nun unter dem Namen David kannte. Irgendwie wirkte er verloren, verlegen. Vielleicht war das Ermorden von Menschen einfacher, wenn sie namenlos blieben.

„Wo kommen Sie her?“, fragte ich in freundlichem Plauderton. Wenn ich schon sterben musste, wollte ich zumindest menschliche Gepflogenheiten nicht völlig außer Acht lassen.

„Sie haben es gesehen“, erklärte David: „Das Haus mit dem Briefkasten, dort wurde ich geboren. Meine Mutter, sie lebt wohl immer noch dort.“

„Oh“, ließ ich geistesgegenwärtig von mir hören und schwieg. Er war wohl ein recht seltsamer Mann, mein zukünftiger Mörder.

„Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen, es dürften wohl mittlerweile ein paar Jahre sein“, offenbarte mein Gegenüber: „Wenn ich ehrlich bin, hab‘ ich mich vor einem Besuch immer recht gefürchtet.“

„Wie das?“, wollte ich wissen.

„Vielleicht ahnen Sie es bereits, doch ich bin nicht unbedingt der Sohn, den sich eine Mutter für gewöhnlich wünschen würde, wissen Sie?“, erklärte David nach kurzem Überlegen: „Wir waren drei Kinder. Immer hatten wir Kohldampf und meine Mutter, die war immer völlig abgebrannt. Trotzdem hat sie sich rührend um uns gekümmert, war liebevoll, hatte ein offenes Ohr für uns – auch wenn sie todmüde von ihrem zweiten und dritten Nebenjob nachhause kam.“

„Klingt nach einer bewundernswerten Person“, warf ich ein.

David lächelte. „Oh ja, das war sie. Freundlich, selbstlos und aufrichtig – selbst, wenn das Aussprechen der Tatsachen ihr selbst geschadet hätte, entschied sie sich für die Wahrheit. Ebenso kann ich mich nicht erinnern, dass sie jemals nur eine Kleinigkeit für sich selbst gekauft hat. Bevor wir Kinder vor dem Schlafen nichts zu essen hatten, blieb sie selbst hungrig. Das ließ sie sich aber nie anmerken – ihr knurrender Magen hat sie aber oft verraten“, erzählte er und blickte zum Horizont, wo sich bereits der dunkle Ozean abzeichnete: „An ihr und ihrem Auftreten habe ich schon als Knirps erahnen können, wie es sich vielleicht durch das Leben gehen lässt, ohne seine Grundsätze, seine Menschlichkeit über Bord zu werfen, verstehen Sie?“

„Nur zu gut“, antwortete ich: „Wo war Ihr Vater?“

„Habe ich nie kennengelernt“, sagte David: „Vermutlich dürfte er aber ein Taugenichts gewesen sein. Meine Mutter hat nie von ihm erzählt, selbst wenn ich noch so darum gebettelt habe. Andere Menschen waren da freimütiger mit ihren Erinnerungen.“

Für einen Moment hielt der junge Mann inne. Trotz meiner Neugier wollte ich ihn nicht drängen.

„Ich kenne ihn nicht und habe ihn lange Zeit zutiefst verachtet. Was könnte das auch nur für ein Mann sein, der seine Frau sitzen lässt, vor seiner Verantwortung wegläuft? Heute weiß ich, dass ich offenbar viel von ihm in mir trage und seinem Vermächtnis gefolgt bin“, sagte David leise. Seine Stimme war voller Bitterkeit – in einer Intensität, die ich einem Mann seines Alters nicht zugetraut hätte. „Meine Mutter hat ähnlich gedacht. Gesagt hat sie es freilich nie. Gemerkt habe ich es an der Distanz zwischen uns, als ich älter wurde.“

„Die Sünden des Vaters sind nicht die Sünden des Sohnes“, sagte ich und kam mir angesichts meines Pathos recht dumm vor.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Theodor“, meinte David: „Auch klingt es sehr weise, doch wir beide wissen, dass es nicht so ist.“

„Wie ging es weiter?“, erkundigte ich mich.

„Ich habe gestohlen, von meiner eigenen Mutter“, gestand David: „Ich hatte gute Absichten, doch das haben wir Menschen immer, nicht wahr? Gute Absichten, bis zum bitteren Ende.“ Gedankenverloren streichelten seine Finger über den rauen Griff seiner Pistole, die immer noch in seinem Schoß lag. „Ich hatte von einem alten Kumpanen von einer Geschäftsmöglichkeit erfahren. Ein Kilo Qualitätsheroin, das unverschämt günstig auf einen Käufer wartete. Einen Abnehmer hätte er dafür bereits, der das Vierfache zu zahlen bereit wäre – fehlte nur noch die Anfangsinvestition. Ohne Zögern plünderte ich das Geld unter der Diele, das sich meine Mutter vom Mund abgespart hatte und machte mich auf den Weg.“

„Der Deal ging schief, nehme ich an?“, vermutete ich.

„Keineswegs – eine wahre Bilderbuchgeschichte. Eine Stunde später war ich auf dem Heimweg, mit einem Rucksack voller Knete“, erzählte David, lachte aber nicht: „Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, sondern dachte darüber nach, was meine Familie mit dem Schotter anfangen könnte. Als meine Mutter morgens in die Küche kam, habe ich ihr freudestrahlend davon erzählt.“

„Sie war nicht erfreut?“

„Ganz im Gegenteil. Sie schlug mich – zum ersten Mal in meinem Leben“, sagte David, die Stimme voller Reue: „Ich musste nicht sagen, woher das Geld stammt, sie ahnte es und wollte nichts damit zu tun haben. Noch am selben Tag hab’ ich meine Sachen gepackt und nie zurückgesehen.“

„Tut mir leid zu hören“, sagte ich und meinte es ehrlich.

„Mir auch – besonders, weil ich nichts daraus gelernt habe“, entgegnete David knapp: „Wir sind da.“

Ich lenkte den Wagen an den Straßenrand, stellte den Motor ab, ließ den Schlüssel aber stecken. Dort, wo ich hingehen würde, wäre kein Auto dieser Welt zu gebrauchen. Die Hände legte ich in den Schoß. Diesmal war es David, der tief durchatmete. Mit einer Geste bedeutete er mir auszusteigen.

Wiederum schweigend folgten wir zusammen einem hölzernen Pfad in Richtung Strand. Die Luft roch gut, sauber und gesund. Ich fragte mich, ob meine Frau bereits die Polizei gerufen hatte, verkündete flammendes Rot doch bereits den Anbruch eines neuen Tages.

Leben, Tod, Geschichte, Worte, Literatur, Innsbruck, Unhappy us, Innsbruck
(c) Patrik Linderstam

Einige Minuten vergingen, ehe wir dort angekommen waren, wo die Wellen gegen den Sand anbrandeten. All die Jahre hätte ich mit meiner Frau hierher kommen können, die gegenseitige Gesellschaft genießen können, doch habe ich das nie getan. Nun war es zu spät und die Last der versäumten Gelegenheiten brach über mich herein. Auch in David schien sich etwas zu regen, immerhin war sein Mund nun nicht mehr als ein schmaler Strich.

„Knien Sie nieder“, sagte er sanft: „Wenn Sie möchten, können Sie die Augen schließen. Das macht es leichter, habe ich gehört.“

Langsam entsprach ich der Aufforderung. Meine Gelenke dankten es mit empörtem Knirschen. Immer noch verspürte ich keine Angst, nur ein kleines Kribbeln in der Magengegend. Es war in Ordnung. Wenn ich schon nicht aufrecht sterben konnte, so bin ich zumindest erhobenen Hauptes zur Schlachtbank gezogen. Hätte ich diese Integrität doch nur die letzten fünf Jahrzehnte besäßen.

„Es tut mir leid, das meine ich ehrlich“, hörte ich David sagen: „Unter anderem Umständen wären wir vielleicht Freunde geworden.“

Ich fühlte ähnlich. Da war kein Groll in meinem Herzen, kein Hass. Zwar hatte ich keine Ahnung, welche Gründe mein Gegenüber für einen Mord haben könnte, es schien aber auch töricht, erst jetzt nachzufragen. Zumindest würde ich durch die Hand einer Person sterben, die sich in den letzten Stunden meines Lebens von einem furchteinflößenden Fremden zu einem Menschen gewandelt hatte, der seine eigene Geschichte mit mir zu teilen bereit gewesen war.

„In der Schule habe ich damals gelernt, dass das Leben hier, in diesen Fluten, seinen Anfang nahm. Ich hatte nie Sinn für Poesie, doch erscheint es mir stimmig, es auch hier zu beenden“, sagte David: „Vielleicht treffen wir uns irgendwann wieder – an einem Ort, wo keine Dunkelheit herrscht.“

So recht wusste ich nicht, was ich darauf antworten solle, und so ließ ich es schlicht bleiben. Als ich hörte, wie der Hahn der Waffe gespannt wurde, schloss ich endgültig die Augen. Ich ertappte mich sogar dabei, ein spontanes, stummes Gebet gen Himmel zu senden. Eigentlich lachhaft, hatte ich doch Zeit meines Lebens die Existenz eines göttlichen Wesens angezweifelt. Doch wenn es bekanntlich auf dem Sterbebett keine Atheisten geben soll, könnte es wohl auch im feuchten Sand keine knienden Zweifler geben.

Ein lauter Knall blieb dem Schalldämpfer entsprechend aus, nur das Geräusch eines fallenden Körpers hallte einsam über den Strand. Noch immer spürte ich das Blut in meinen Ohren rauschen und wunderte mich, dass es offenbar auch im Jenseits ein Herz-Kreislauf-System zu brauchen scheint. Das rote Rinnsal, das der gesättigte Sand nicht aufnehmen wollte und sich langsam in mein äußeres Sichtfeld schlich, verschaffte mir Klarheit. Zusammengesunken lag David da, seine Lippen umspielte das friedliche Lächeln eines Menschen, der endlich heimgekehrt war.

Leave a Response