unmenschlich

Deutscher am Papier, Engländer im Herzen

Wenn ein Café Fremde zu Freunden macht

Sven Rehfeuter(c) Jules

Er kennt sie alle, die Geheimnisse von Clotted Cream, flaumigen Scones, süßen Pies oder exakt temperiertem Tea. Als weit gereister Gastronom ist Sven Rehfeuter Experte im Verwöhnen von Gästen – am liebsten nach britischer Art. Warum der gebürtige Deutsche am liebsten englischer Staatsbürger wäre, was Beruf von Berufung unterscheidet und was gut essen mit gut leben zu tun hat, erzählt er uns in seinem neuen Lokal „London`s Taste“ in Innsbruck.

(c) Jules
Als deutscher Gastronom ein englisches Café zu eröffnen ist ungewöhnlich – noch dazu in einem Städtchen wie Innsbruck. Wie kam`s dazu?

Ich bin gastronomisch weltweit unterwegs gewesen und habe auch eine Zeit lang in Großbritannien gelebt. Dadurch hab ich die Liebe zu London entdeckt. Das Café ist als Nebenprojekt letztes Jahr an Silvester entstanden. 2013 haben wir in Innsbruck schon mit britischen Lebensmitteln und E-Zigaretten angefangen. Ich und mein Lebenspartner waren einer der ersten Händler hier im britischen Segment…

Das war doch der Laden in der Heiliggeiststraße – ist er gut gelaufen?

Ja,  und den E-Zigaretten Laden gibt’s immer noch. Den haben wir nun verlagert auf die Innstraße, wir brauchten mehr Fläche. Die Lebensmittel haben wir aufgelassen, weil die Supermärkte mit eingestiegen sind und wir den Preiskampf nicht mitmachen wollten.

Den Lebensmitteln seid ihr mit eurem Café aber trotzdem treu geblieben…
Café
(c) Jules

Wir wollten einfach wieder was  Britisches in Innsbruck implementieren. Einfach den Innsbruckern zeigen, was ist britische Lebensart, was ist britisches Essen. Normalerweise wird damit eher Negatives assoziiert: schlechtes Essen, schlechte Qualität – was in dem Sinn ja nicht stimmt.

Was genau meinst du mit britischer Lebensart?

Britische Lebensart ist für mich die Atmosphäre, die im Café vorherrscht: diese etwas gediegenere, ruhigere, gepflegtere Atmosphäre. Jeder Brite hat etwas Royales an sich. Egal wo, egal welche Gesellschaftsschicht, ob alternativ, ob Rocker. Wenn man die Lebensart Großbritanniens vergleichen will, vergleicht man sie mit Japan.

Das klingt, als wärst du gern Wahl-Engländer…

Wenn ich wohl könnte, würde ich britische Staatsbürgerschaft annehmen, ja [lacht].

Queen
(c) Jules
Du warst aber nicht nur in England, sondern auch sonst viel unterwegs. Wo hat dich die Gastronomie überall hingeführt?

Durch den Beruf meiner Eltern – sie waren Unternehmer – war ich schon mit 16 Jahren in Hongkong. Ich hab dann in Heidelberg meine theoretische Grundausbildung gemacht, von Küche übers Bäckereiwesen. Später bin ich nach München und war im Management im Bayrischen Hof tätig. Dann folgte ein halbes Jahr auf einem 5-Sterne Kreuzfahrtschiff. Wir waren von der Antarktis über die Arktis bis Mauritius und Madagaskar unterwegs. Zurück in München hab ich dann in führenden Häusern gearbeitet sowie die Allianz Arena betreut.

Das klingt als wäre Gastronomie schon immer dein Steckenpferd gewesen…

Ich hab schon mit meinem 6. Lebensjahr gesagt: Ich werde Koch. Das war immer mein Beruf, auch weil ich schon als Kind sehr viel mit Gastronomie in Berührung gekommen bin. Es hat mich fasziniert immer wieder mit Menschen in Kontakt zu kommen. Für mich ist es wichtig, dass ich dem Gast ein Erlebnis biete, dass er sich wohl fühlt. Ich sehe es nicht als Beruf, sondern als Berufung. Der Gast muss als Fremder reinkommen und sollte als Freund gehen, das ist mein Ziel. Er muss sich wohlfühlen.

coffee
(c) Nathan Dumlao
…und dieses Ziel verfolgst du bereits seit 16 Jahren – da gibt es doch bestimmt eine Anekdote?

Es gibt so viele [lacht]. Wir hatten z.B. einen Kreuzfahrer, einen Anteilseigner der Flotte. Es hat lange gedauert, bis er mich als seinen Betreuer auf dem Schiff zugelassen hat. Ich bin dann sei Privat-Butler geworden, hab Gäste zu ihm vorgelassen, aber auch Gäste vom Tisch entfernen lassen. Das war eine interessante Zeit.

Hattest du auch schon mal unangenehme Gäste?

Ja, öfters. Manchmal kommen Gäste verärgert in den Betrieb und dann braucht es nur einen kleinen Funken, schon geht das Fass über. Das ist ein Feingefühl, dass man entwickeln muss und wo ich auch heute noch dran arbeite. Ich kann Menschen einschätzen, aber mit Stressfaktoren wird’s schwierig.

Hamburger
(c) Fabrice Thys
Du hast deinen Arbeitsplatz oft gewechselt. Hattest du vorher nie das Gefühl irgendwo fix „ankommen“ und etwas aufbauen zu wollen?

Jobwechsel sind für mich entstanden, wenn ich das Gefühl hatte, ich lerne nichts mehr. Damit war für mich der Job beendet und ich hab mich neu umgeschaut. Berufung ist auch ständiges Lernen. Vor einem Jahr habe ich mich entschlossen in die alltägliche Gastronomie reinzuschauen, weil ich nur die Sternegastronomie kenne. Einmal McDonalds musste ich sehen. Ich bin dort im Management eingestiegen und hab das ein Jahr gemacht – auch wieder Wissen, das mich weitergebracht hat,  etwa was Organisation angeht.

Ein großer Sprung vom Sternebetrieb über Fast Food bis hin zum lokalen Café mit vier Tischen – kommt`s überall aufs Gleiche an?

Für mich ist da kein Unterschied, aber jetzt war`s für mich wichtig ein kleines Objekt zu haben. Für uns steht im Café die Qualität im Vordergrund.

essen
(c) Jay Wennington
Wenn du an das englische Lebensgefühl denkst – glaubst du, dass Menschen die gutes Essen schätzen, gerne ins Café gehen, zufriedener im Leben sind?

Wenn man sich mit Lebensmitteln beschäftigt oder Freude hat am Essen, ist ein Mensch glücklicher. Essen ist Teil einer Kultur. Für mich ist die gute Qualität von Lebensmitteln wichtig, dafür nehm ich mir Zeit, dafür bin ich auch bereit etwas mehr zu zahlen.

Wie steht es mit deiner eigenen Zufriedenheit, siehst du dein Glück im Job?

Gastronomie ist Hingabe und Liebe dazu, da musst du dich mit allem beschäftigen. Aber Glück ist eine Mischung aus Vielem: Beruf, das Café, Privatleben, alles ist so ein Kreislauf. Glück kann heißen gutes Essen, gute Freundschaften, Beziehungen, Lebenspartner. Klar gibt es Singles, die auch für sich alleine glücklich sind.

Dein Favorit unter den Arbeitsplätzen war immer London – spielst du nie mit dem Gedanken dorthin zurückzukehren?

Derzeit nicht, aber wir überlegen unseren Alterssitz nach London zu verlegen. Ich finde die Stadt sehr spannend. Man findet immer neue Ecken, neue Menschen. Wir sind jedes Jahr zwei, drei Mal dort. Es gibt auch keine Kämpfe unter den Kulturen. Man merkt den Commonwealth, diesen Zusammenhalt.

English spirit
(c) Jules
Derzeit bleibt es also fürs Erste bei Innsbruck, aber schielt ihr nicht doch etwas sorgenvoll nach England? Stichwort Brexit…

80 Prozent unserer Produkte sind Direktimporte aus England. Es wird momentan ein bisschen schwierig die Ware zu bekommen. Wir warten jetzt mal ab, es ist ja sehr viel in der Schwebe.

Was habt ihr einstweilen in nächster Zukunft vor?

Wir sprechen gerade mit der Stadt über einen Außenbereich für das Café. Nächstes Jahr möchten wir auch einen kleinen englischen Weihnachtsmarkt haben, so mit warmem Cider, Egg-Nog, was wir dieses Jahr im Kleinen auch schon anbieten werden. Im Sommer auch mit kleinem Swimming Pool, um die Füße reinzustellen. Auch Kaffee- und Barista Events sind geplant.

Sven
(c) Jules
Drei allerletzte Fragen:
Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?

Vor zwei Wochen. Ich habe die Kaffeemaschine selbst eingestellt [lacht].

Einmal und nie wieder?

Eigentlich würd ich alles wieder machen.

Wenn du eine Sache ändern könntest, was wäre das wohl?

Ändern, das ist schwierig – mit dem, was ich im Leben gemacht habe, war ich bisher sehr zufrieden. Ich habe immer versucht den Weg zu finden, der mich glücklich macht. s

London’s Taste The Café

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