unmenschlich

Früher war da mehr Lametta!

Oder: Der Weg ist wirklich das Ziel.

Wandern, Pilgern, Jakobsweg, Innsbruck, Tirol, Bloggen, Vorbild(c) Ulrich Z.

Gehen. Ein Schritt nach dem anderen. Tagelang. Wochenlang. Monatelang. Aus Schritten werden Kilometer, Hundert, Zweihundert. Immer weiter. Noch ein Schritt. Tausend. Manchmal in Begleitung, oft alleine. Gedanken, in Endlosschleife. Gummibälle, die immer wieder zurück schießen, sobald sie los gelassen werden. Müdigkeit. Manchmal Erschöpfung. Und doch: Freude, Stolz, Erleichterung, Glück. Ruhe. Gefühlswirbelstürme: kaum zu fassen, nicht zu erklären.

Ein paar Zeilen oder der Versuch in Worte zu fassen, was es bedeutet den Jakobsweg zu gehen.

Aber zum Anfang: Ulrich ist 30. Er ist Barkeeper aus Leidenschaft. Gastgeber, Zauberer, Entertainer, ein bisschen Psychologe, sehr viel Menschenkenner. In der Bar, in der er arbeitet ist immer viel los. Meistens kracht es so richtig. Jeder Handgriff sitzt, alles muss unfassbar schnell gehen.

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(c) Artem Pochepetsky

Eines Abends fragt der Chef wie der Tag war und Ulrich antwortet: „Heute hat es keinen Spaß gemacht.“ Noch bevor das letzte Wort seinen Mund verlassen hat, in der Luft liegend, unmöglich es wieder einzuhauchen, wird ihm klar: „Eigentlich hat es mir schon länger keinen Spaß mehr gemacht.“ Er kündigt. Eine Kurzschlusshandlung, wie er sagt, aber er ist seinem Chef gegenüber auch sehr fair und bleibt bis Ersatz für ihn gefunden wird. Zeit, auch für ihn, um zu überlegen wie es weiter geht. Ulrich fasst einen Entschluss:

er wird den Jakobsweg gehen.

Aber Ulrich ist keiner von den „Ich bin dann mal weg“ – Touristen, er will nicht wandern weil es gerade in ist. Auch nicht weil er auf die Erleuchtung wartet. Er will wandern, einfach um des Wanderns willen. „Meine Eltern“, erzählt Ulrich, „sind beide Lehrer. Wir hatten immer lange Sommerurlaube. Einmal da sind wir mit dem Auto den Jakobsweg gefahren.“ Sein Freund Jakob geht den Weg nach seiner Matura – schließlich es ja seiner. Ulrich will ihn auch gehen. Aber meistens fehlt die Zeit, dann das Geld und sowieso hat man immer viel zu tun. Aber jetzt, da sein Job gekündigt, ein bisschen Geld gespart ist, hat er eigentlich keine Ausrede mehr. Er packt seinen Rucksack und geht von St. Johann nach Innsbruck. Einmal Jakobsweg light, bitte. In zwanzig Kilometer-Etappen macht er seine erste Testtour und wird sich über zwei Dinge klar:

  1. Mindestens die Hälfte muss aus seinem Rucksack wieder raus.
  2. Er wird den Jakobsweg ganz sicher gehen.

Am 18. September 2016 besucht er die Sonntagsmesse im Dom in Innsbruck. Es ist der Dom zu St. Jakob. Danach fahren ihn seine Eltern nach Völs, damit er nicht durch die Stadt gehen muss. „Ich hab also schon von Anfang an geschummelt“, schmunzelt er. Aber in Völs geht er los und kommt an seinem ersten Abend in Pfaffenhofen an. Es schmeckt alles noch ein bisschen unwirklich. Erst als er am Arlberg ankommt wird ihm bewusst: „Ich habe mich wirklich auf den Weg gemacht.“ Entlang des klassischen Jakobweges ist der Arlberg der höchste Punkt. „Ich hatte furchtbare Angst“, sagt der Neo-Pilger. Aber er macht weiter, Tag für Tag. Sein Handy hat er dabei, aber kaum in Verwendung, eine einzige sms versendet er täglich an seine Mama. Ein Versprechen, dass sie ihm abgenommen bevor er die Reise angetreten hat. Sie wird sie sammeln und ihm später ein Buch mit  seinen Nachrichten schenken.

Loslassen

„Den ersten Monat“, erzählt Ulrich „bist du Gefangener deiner eigenen Gedanken. Der Alltag hat dich so fest im Griff – es dauert Wochen bevor er sich langsam abschütteln lässt. Ständig ziehst du Parallelen. Jetzt würde ich gerade aufstehen. Oder zur Arbeit gehen. Du denkst über deinen Job nach, fragst dich ob du nicht doch lieber Busfahrer werden willst, schaust auf die Uhr und denkst jetzt würde ich wohl gerade ins Bett gehen.“ Während er geht, verwandelt sich die Landschaft, er geht über Grenzen. Seine eigenen und die, der Länder. Er verlässt Österreich, erreicht die Schweiz. Langsam wird der Alltag verschwommener und schleichend fängt man die Umwelt wahrzunehmen. „Wenn man geht, kann man viel mehr Details wahrnehmen. Im Auto zischt alles so schnell an einem vorbei. Aber gehen ist eine irrsinnig langsame Angelegenheit.“

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(c) Dave Robinson

Ulrich überlegt wie es wäre einen Bauernhof zu haben. Tagelang, erzählt er, baut er seine Fantasie-Farm. Auf die Frage ob er denn wirklich gerne einen Bauernhof hätte, lacht er und sagt: „Niemals, ich kann doch nichts außer essen.“ Aber entlang des Weges stehen viele Höfe, und man beginnt sich eben Gedanken zu machen über die Dinge, die man sieht. Die Art der Landwirtschaften verändert sich über die Landesgrenzen hinaus. „Was wohl aus meinem Fantasie-Bauernhof geworden ist,“ fragt Ulrich mehr sich selbst, „wahrscheinlich ist er abgebrannt.“

Auf Fragen, die während des Wanderns entstehen, gibt es nur die Antworten die man selbst findet.

Die erste Hälfte des Weges geht Ulrich ganz alleine. Er hat kein Problem damit. Führt er manchmal Selbstgespräche? „Ich weiß es nicht, ich war ja mein einziger Gesprächspartner, ob dich die Gedanken laut ausgesprochen habe, oder nicht, dass kann ich heute gar nicht mehr sagen.“ In den Herbergen liegen Gästebücher. „Ab der Schweiz habe ich einen Koreaner verfolgt“, erzählt er, „er ist in Moskau los gegangen.“ Ulrich trifft die verschiedensten Menschen und kommt zu einer Erkenntnis:

Jeder Mensch hat eine Geschichte.

„Das klingt so simpel, aber es wurde mir erst wirklich am Jakobsweg bewusst. Die Gedanken anderer Menschen sind genauso reichhaltig und bunt wie die eigenen. Irgendwie macht es das einfacher die Menschen so zu nehmen wie sie sind.“ Viele der Pilger haben Schicksalsschläge hinter sich, befinden sich in Übergangssituation, wollen nochmal alles umkrempeln. „Man wird dankbar für das was man hat“, sagt Ulrich. Aber es gibt natürlich auch Spinner, Freigeister, die jeden von der eigenen Einstellung überzeugen wollen. Damit folgt die nächste Erkenntnis:

Nein, man muss nicht jeden mögen.

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(c) Ulrich Z.

Es entstehen aber auch neue Freundschaften, mit ein paar hat er auch heute noch Kontakt. Man geht ein Stück des Weges zusammen. In Frankreich treffen Ulrich und seine neue Wander-Begleitung einen Pater. Er sagt: „Ein Stückchen weiter vorne ist eine Kapelle, wenn ihr da hin geht und die Glocke läutet, läute ich die der Kirche im Dorf und antworte euch.“ Und tatsächlich: zwei Pilger und ein Pfarrer unterhalten sich via Kirchenglocken.

„Die Leute sind unglaublich freundlich. Als Pilger bekommst du immer einen Vertrauensvorschuss. Einmal haben wir in einem Heustadel übernachtet. Viele Herbergen waren geschlossen, weil die Pilgersaison ja eigentlich schon vorbei war. Jedenfalls hatte ich einen kleinen Kocher dabei und wir haben in dem Stadel zu kochen angefangen, als plötzlich der Bauer auftauchte. Ich war mir sicher jetzt gibt es Ärger. Ich war schon in Entschuldigungshaltung, als der Bauer meinte ‚hey, ich hab Nudeln und eine Tomatensauce’. Also haben wir zusammen gegessen.“

Findet er keine Herberge, schläft er oft im Freien. In Frankreich wird er von Jägern angehalten das nicht mehr zu tun – sonst wirst du noch erschossen, sagen sie. Ulrich fürchtet sich nicht: „Die Franzosen treffen doch gar nicht“, lacht er. Manchmal schläft er auch auf Toiletten, das ist irgendwie naheliegend, weil man sich da waschen kann.

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(c) Ulrich Z.

Zehn Tage war Ulrich krank. Er lag in einer Herberge in Frankreich und kotzt alles wieder raus was nur in die Nähe seines Mundes kommt. Er hofft und betet: „Lass mich nicht heimfahren MÜSSEN.“ Die Wirtin bringt ihm Tee und lässt ihn sich in Ruhe auskurieren. Danach versucht er die verlorene Zeit wieder aufzuholen, mehr Kilometer pro Tag zu machen. Bis er merkt wie dumm das eigentlich ist. „Irgendwann wurde mir bewusst, dass das ja kein Rennen ist!“

Es gibt beim Pilgern weder Gewinner noch Verlierer.

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(c) Ulrich Z.

Also setzt er sich in einen Zug und fährt 120 Kilometer. Eine innere Ruhe ist in ihm eingekehrt. Weil er immer Richtung Süden geht wird es nie richtig Winter. Manchmal regnet es, aber Ulrich steckt sich seinen Schirm in die Gurte des Rucksacks und geht weiter. „Keine Regenjacke“, sagt er, „darunter schwitzt man nur.“

Ankommen

Am 18. Dezember kommt er in Santiago de Compostela an. Ulrich ist 2.500 Kilometer gegangen. Es ist das beste Gefühl seines Lebens. „Ein bisschen als hätte man sich was Verbotenes gegönnt“, versucht er in Worte zu fassen, was am Ziel seiner Reise in ihm los war.

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(c) Ulrich Z.

Um 12:00 ist die Messe für die Pilger in der berühmten Kathedrale, die in seiner Kindheitserinnerung so schillernd und beeindruckend ist. „Früher war da mehr Lametta“, sagt Ulrich grinsend.

Nach seiner Heimkehr kehrt der Pilger wieder in seinen alten Job zurück. Die Ruhe hat er mitgenommen. „Es hat mich nachhaltig verändert. Wir sind so zugemüllt, einmal auszubrechen und Abstand zu finden, tut unheimlich gut.“ Er liebt seine Arbeit, sagt Ulrich, und das glaubt man ihm, schließlich serviert er die besten Drinks der Stadt. Trotzdem: die nächste Pilgerreise ist schon in Planung.

 

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